Herzmilch : Roman

Klemm, Gertraud, 2014
Gemeindebücherei Heiligenbrunn
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Medienart Buch
ISBN 978-3-85420-848-8
Verfasser Klemm, Gertraud Wikipedia
Systematik DR - Romane, Erzählungen, Novellen, Krimi, Thriller
Verlag Literaturverl. Droschl
Ort Graz
Jahr 2014
Umfang 237 S.
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Gertraud Klemm
Annotation Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html);
Autor: Barbara Rieder;
Über die "Ungeheuerlichkeit" eine Frau zu sein. Was tun, wenn der Weg vorgezeichnet ist - sich fügen oder Widerstand leisten? (DR)
In ihrem Romanerstling beschreibt Gertraud Klemm, wie es ist, ein Mädchen, eine Tochter, eine Schülerin, eine Pubertierende, eine Studentin, eine Geliebte, eine Mutter zu sein. Am Anfang der Geschichte stehen die Wahrnehmungen und Erinnerungen eines Kindes. Eines Mädchens, das früh feststellt, dass Emanzen hässlich sind, Fernsehköche männlich, die eigene Mutter gelegentlich hysterisch, die Tanten zu dick. Dass Frauen nur wenig Zeit zum "Blühen" geschenkt ist, ist dem Mädchen bereits früh klar. Das Leben der erwachsenen Frauen erscheint dem Kind als Sackgasse. Ein Bild, das sich mit zunehmendem Alter verstärkt. Frau-Sein kann kein erstrebenswertes Ziel sein, wo Frauen doch von Anfang an praktisch alles verwehrt ist und die Bestimmung vorgezeichnet scheint. Brav sein, Mutter werden - nicht zu viel träumen, nicht zu viel wollen.
Das Mädchen in Klemms Roman wird älter, die Ansichten werden radikaler, die Sprache derber. Das Mädchen hat die ersten Freunde, zieht zum Studium in die Stadt, immer ängstlich darauf bedacht, sich genug Freiheit zu bewahren. Mit der wachsenden Unentschlossenheit der Heldin wird der Ton der Erzählerin abermals rauer. Zornig und bitter beschreibt Klemm das Schicksal der nunmehr erwachsenen Frau, das unmerkliche Hineingleiten in das vorherbestimmte Leben als Muttertier.
Die Autorin schlägt mit ihrem Erzählton den Bogen vom Kindesalter zum Muttersein. Gertraud Klemm verwendet die Wörter, wie sie ihr in den Sinn kommen, kombiniert unbefangen scheinbar Unpassendes in Sätzen. Dabei entstehen unglaublich melodiöse und ausdrucksstarke Satzkreationen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Ein ehrliches, radikales, zorniges Buch über unbequeme Wahrheiten. Sprachlich und thematisch hat dieser Erstling einen Stockerlplatz verdient. Bemerkenswert - lesenswert!

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Quelle: Literatur und Kritik;
Autor: Harald Klauhs;
Die Milch der feministischen Denkart
Gertraud Klemms Roman "Herzmilch"
Ein Pfahl steckt quer durch unser ganzes Leben und die Herzmilch spritzt in Fontänen heraus." Mit diesem Satz endet das 37. Kapitel von Gertraud Klemms Debütroman "Herzmilch". Er ist quasi der titelgebende Satz, auch wenn das Wort in den verbleibenden drei Kapiteln noch ein paar Mal vorkommt. Dass die Verlagsvertreter von diesem Wort elektrisiert wurden, verwundert nicht, klingt es doch ganz ähnlich wie das Kompositum "Herbstmilch". So nannte sich die Autobiografie der Bäuerin Anna Wimschneider aus dem Jahr 1985, die über drei Jahre lang in den Best­sellerlisten zu finden war und von Joseph Vilsmaier verfilmt wurde. Die Assoziation an den Titel des Millionensellers zu wecken ist zugegebenermaßen verlockend. Ob sie den Erfolg des Romans von Gertraud Klemm befördert, muss indes bezweifelt werden.
Denn Anna Wimschneiders in einfacher Erzählsprache verfasster Lebensbericht ist authentisch. Ein Asset in der Publikumsgunst. Literarisch im engeren Sinn ist die Autobiografie "Herbstmilch" jedoch nicht. Genau umgekehrt verhält es sich mit "Herzmilch". Diese Memoiren einer im (klein)städtischen Milieu aufgewachsenen Frau wollen zuallererst Literatur sein. Schon auf den ersten Seiten deklamieren die (manchmal gesuchten, manchmal gewagten) Metaphern den Kunstwillen: "Ich wachse auf im Gelbton der Siebzigerjahre." "Die Arbeit der Eltern scheitelt den Tag in zwei Stränge." "Kindsein ist wie eine Presswurst, ohne Leerstellen und Hohlräume, verdichtet bis zum Platzen." Im Gegensatz zu Anna Wimschneider, die in schlichten Worten auf ein beschwerliches, aber erfülltes Leben zurückblickt, ist "Herzmilch" eine einzige lange Anklage: "Wir (gemeint sind die Frauen, Anm.) müssten einen Knochen im Herzen haben, damit das Mitleid mit den Kindern und den Alten uns nicht mehr die Milch aus dem Herzen pressen kann." Man muss gar nicht kleinlich physiologisch an diesem Satz rummäkeln, um zu erkennen, dass er anorganisch ist.
Nun passt diese sprachliche Angestrengtheit aber so gar nicht zu der "natürlich", also bieder chronologisch erzählten Autobiografie einer namenlosen Ich-Erzählerin. Die berichtet von den Nöten eines Mädchens aus gutem Haus, das zur Frau heranwächst und ungewollt Mutter wird, und das mit dieser von ihm als aufgedrängt empfundenen Bestimmung nicht zurechtkommt. Schon als kleines Mädchen ist das Schämen das vertrauteste Gefühl der Erzählerin, es "wohnt ganz tief in meinem Bauch", und wenn sie auf dem Rücken liegt und nachdenkt, anstatt schnell aufzustehen, wird sie "steif vor Angst, dass das Schämen nie weniger wird, sondern immer mehr". In der Psychologie nennt man das seit Robert K. Merton Self-fulfilling Prophecy. Ebendiese exerziert die Autorin in der Folge Schritt vor Schritt vor. Unklar ist nur, ob die ­Autorin Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein quasi ein spezifisch weibliches Langkapitel anfügen oder ob sie Mitleid mit ihrer Protagonistin erregen will.
Gertraud Klemms Buch zielt darauf ab, die Leserin über ihr Frausein im Allgemeinen und ihre Bestimmung zur Mutter im Besonderen reflektieren zu lassen. Die Problematisierung der potenziellen Mütterlichkeit aller Frauen kann man als gesellschaftskritischen feministischen Ansatz betrachten. Nur müsste der auch formal umgesetzt werden. Genau das geschieht hier aber nicht. Die lineare, bruchlose Erzählweise verhindert geradezu eine Reflexion. Die Ich-Erzählerin schildert ihr Leben, als wäre die Erinnerung ein Tonband, das man nur abzuspielen braucht. Vergleicht man zudem die Biografie Gertraud Klemms mit jener ihrer Protagonistin, so findet man eine Menge Übereinstimmungen: aufgewachsen in den Siebzigerjahren in einer österreichischen Kleinstadt, Übersiedlung nach Wien, Studium der Biologie, Tätigkeit für eine Gebietskörperschaft, Geburt eines Kindes An keiner Stelle distanziert sich die Autorin von ihrer Protagonistin, nirgends wird sie ironisiert oder kommentiert. Der weitgehende Gleichklang der Biografien macht es für Leserinnen - und für solche ist das Buch offensichtlich geschrieben - schwer, zwischen Autorin und Erzählerin zu unterscheiden. Im Grunde kann die Leserin sich beinahe dazu aufgefordert fühlen, diese romanhafte Biografie als Passionsgeschichte der Autorin zu lesen.
Diese identifikatorische Konstruk­tion kann man in gewisser Weise auch als Versuch werten, das Buch vor Kritikern zu immunisieren, weil jede Kritik am Roman automatisch zur Kritik an der Person der Autorin wird. Dabei wäre es die ästhetische Herausforderung gewesen, die Brüche kenntlich zu machen. Denn zwischen der Autorin und der Erzählerin steht der künstlerische Prozess, wie unter anderem Ilma Rakusa in ihren Poetikvorlesungen mit dem Titel Autobiografisches Schreiben als Bildungs­roman ausführt. Sowohl in Rakusas Erinnerungspassagen Mehr Meer als auch in Gisela von Wysockis Wir machen Musik (so nennt die Autorin ihre "Geschichte einer Emanzipation"), geht es darum, wie sie zu d­er Person geworden sind, die sie sind. Beiden ist klar, dass es dabei um eine Inszenierung geht, bei der das Ich eine Figur ist. Beim Schreibprozess handelt es sich um "die Verwandlung von persönlicher Erfahrung in einen Diskurs, der das Nur-Subjektive aufhebt". Die Nobelpreisträgerin Herta Müller etwa nennt ihre autobiografischen Texte "autofiktional". Damit drückt sie die Unfähigkeit aus, Erinnerung und Wirklichkeit zur Deckung zu bringen. Sie verweist stets auf den "Konstruktionscharakter de 1d70 s Erzählten" und verzichtet zum Beispiel auf eine chronologische Abfolge der Ereignisse. Das ist eine mögliche Form, auf die Diskrepanz zwischen der Kunstfigur, wie sie sich im Text repräsentiert, und jenem Ich, das sie erinnernd erschafft, aufmerksam zu machen. Eine andere mögliche Form hat Margit Schreiner in ihrem Roman Haus, Frauen, Sex gewählt. Sie denunziert männliches Denken, indem sie mittels Rollenprosa aus der Perspektive eines Mannes erzählt. In allen diesen Fällen ist die Differenz zwischen der Autorin und der Ich-Erzählerin deutlich gemacht.
Nun ist ein Roman zuallererst ein Sprachkunstwerk und kein männliches oder weibliches Gebilde. Über weibliche Sprache ist schon viel nachgedacht und geschrieben worden. Wie an den eingangs zitierten Sätzen bereits erkennbar, sucht Gertraud Klemm aber gar nicht nach einer weiblichen Sprache für ihren Stoff, sondern verwendet eine Kunstsprache. Im Gegensatz zur Einheit der Zeit, die sie in diesem Buch penibel einhält, ist ihre Sprache jedoch völlig uneinheitlich. Zum einen benutzt sie eine blumige Sprache, die mehr an Hedwig Courths-Mahler denn an Anna Wimschneider denken lässt. Die Fülle an wolkigen Metaphern nimmt der feministischen Anklageschrift jegliche Authentizität. Zum anderen nimmt sie stilistische Anleihen bei Marlene Streeruwitz: "Ich habe mich nicht vorbereitet. Auf dieses Gespräch. Auf diese Situation. Auf die ernstzunehmende Alternative." Oder interpunktionslos alliterierend: "Bauch Busen Baby." Beim Thema Sexualität wird die Erzählerin plötzlich prüde und verwendet so unsinnliche Wörter wie Ejakulat oder berichtet fast keusch davon, dass sie sich im Auto "paaren". Nur bei jenem Mann, der sie zwar liebt, der auf sie aber die Attraktion eines altdeutschen Tisches ausübt, fällt ihr "Stylen gegen Ficken" ein.
Dazu kommt, dass in vielen Passagen erläutert statt erzählt, mehr behauptet als literarisch gestaltet wird. So beklagt die Erzählerin etwa machistische Phrasen. Doch anstatt die Sprüche wiederzugeben, die Männer ihr nachrufen, berichtet sie abstrakt davon, dass "Kommentare fallen wie faule Äpfel, zerplatzen auf der Brust, auf dem Kopf, auf dem Po". Wenn sie erzählen will, wie Frauen dahin trainiert werden, auf ihre Figur zu achten, berichtet sie vom bürgerlichen Mittagstisch ihrer Kindheit Folgendes: "Da werden wir andere Dinge essen als die Männer. Mein Bruder und der Vater werden Liebe auf den Teller bekommen, meine Mutter und ich ein schlankes Essen." Abgesehen von der Frage, ob Liebe satt macht, kann man auch "schlankes Essen" liebevoll zubereiten. Außerdem nimmt das geküns­telte Futur der Figur vollends jegliche Stringenz.
Unter Umständen kann man sich's im Leben einfach machen; in der Kunst geht das nicht. So schließt man das Buch mit dem Gefühl, eine weibliche Passionsgeschichte erzählt bekommen zu haben, ohne zu wissen, worin die erzählenswerten Leiden eigentlich bestehen. "Es ist gar nicht so schlimm, wenn man rechtzeitig ausweicht", ist das Rezept der Ich-Erzählerin gegen die sprücheklopfenden Männer. Dieses Ausweichen hat der Roman perfektioniert. Er ist sämtlichen ästhetischen Problemen, die sich bei einem solchen Unternehmen stellen, aus dem Weg gegangen und deshalb weder authentisch noch literarisch.

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Quelle: Pool Feuilleton;
Nichts ist so aufregend wie das allmähliche Übergleiten einer revolutionären Stimmung in die komplette Ordnung.
Gertraud Klemm erzählt in ihrem Roman "Herzmilch" von einer Frau, die es wieder einmal ganz anders machen will und prompt im Hafen des verordneten Lebens landet. Wenn etwas von vorneherein schief geht, hilft nur ein ironischer Ton, um die Story halbwegs erträglich zu machen.
Die Ich-Erzählerin kommt als hellwaches Kind auf die Welt und erkundet die Welt nach eigenen Grundsätzen. "Wenn ums Eck ein Käfer liegt, werde ich einen Mann mit blauen Augen heiraten." (9) Natürlich gehen solche Spiele in der Realität ganz anders aus. Bald einmal stellt sich heraus, dass die Geschlechterrollen den größten Einfluss auf das Leben haben. "Das Loch zwischen den Beinen bringt ständig Gefahr!" (44) Tatsächlich lauert überall die Gefahr eines sexuellen Übergriffs im Gebüsch, andererseits ist man erst eine Frau, wenn der Penis eingedrungen ist. (69)
Die Erzählerin quält sich durch die Bildungseinrichtungen, das Gymnasium ist ein graues Maul, in dem man täglich verschwindet, vom Studium bleibt vor allem der Professor hängen, der darauf hinweist, dass so eine Ausbildung 75.000 EUR kostet und man anschließend nichts damit anfangen kann.
Aber auch die diversen Arbeits-Rollen haben einen unterschiedlichen Preis, die Affenscheiße von Alten wegputzen bringt nur die Hälfte von dem, was als Verdienst möglich ist, wenn man sich als Kellnerin angaffen und abgreifen lässt.
"Die Geschlechtsreife ist eröffnet, eine Tür, durch die sie alle kommen werden: der Stierler, der Bohrer, der Sammler, der Händewascher, der Rammler, der Streichler, der, dem vor allem graust, der Forscher." (71) Diese Typen können auch ordentlich Schreck einjagen und am Höhepunkt der Angst enttarnen sie sich vielleicht als harmlose Jäger, die mit einem Allrad hinter einem Gebüsch warten.
Nach schweren Monaten der Bulimie, für die vor allem die väterlichen Psychiater noch einmal alle Gerätschaften auspacken, taucht schließlich der Südtiroler Andre auf. Er ist vielleicht gar nicht der Vater von Lenchen, das jetzt geboren wird, aber er zieht auf jeden Fall einmal ein, um die Familie abzurunden. "Aus Herzmilch ist Butter geworden." (222) In einem Epilog stehen die Mütter am Rand eines Schwimmbeckens und sehen den Kindern beim Schwimmen zu.
Gertraud Klemm erzählt mit der Präzision eines Mahlwerks vom Zerreiben der Seele und der Pulverisierung der Träume. Nur mit lapidarer Kaltschnäuzigkeit lässt sich das Schicksal einer empfindsamen Seele erzählen, die durch den Trichter der Trivialität geschüttet wird, immer der Schwerkraft entgegen.
Helmuth Schönauer

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